REPORTAGE

Der seltsame Wächter im Wrack der Almagro

Die Legende eines tragischen Untergangs vor Mallorca
Juan Poyatos

Eines der ältesten bekannten Wracks auf Mallorca ist die „Almagro“. Es handelt sich höchst wahrscheinlich um ein phönizisches Schiff, das in den Gewässern vor Portals Vells in der Bucht von Palma liegt.



Die Almagro ist heute nicht mehr als eine geheimnisvolle und dunkle Anhäufung versteinerten Holzes zwischen sandigem Meeresboden und Seegraswiesen.



Der Legende nach machte sich vor etwa 2.400 Jahren ein Schiff auf den Weg von einem Hafen an der nordafrikanischen Küste Richtung Mallorca. Die „Almagro“ hatte neben Wein, Amphoren, Gewürzen und anderem auch Sklaven an Bord.



Unter der Besatzung des damals, im Mittelmeerraum wohl größten Schiffes seiner Zeit war auch ein Matrose namens Sees-Baas. Für den jungen Seemann, der aus einem Wüstendorf voller Sand und Wind stammte, war es die erste lange Reise. Sees-Baas war ein neugieriger und intelligenter Bursche, und an jenem heißen Sommertag wohl besonders glücklich, weil sein Schiff Kurs auf einen Ort nahm, den alle nur als „das Paradies auf Erden“ bezeichneten. Vor Aufregung verbrachte er Tage, ohne zu schlafen. Erst recht, als ihm sein alter Kapitän sagte, dass jetzt nur noch ein Tag fehle, um die „größte Insel des Paradieses“ zu erreichen.



Die lange Reise näherte sich also ihrem Ende. Es war bereits Nacht, und die Ruder-Sklaven sangen ein Lied in einer alten Sprache. Das Lied handelte von einem Krieger, der auf einer Reise in eine andere Welt gefangen war – in einer magischen, dunklen Welt, in der alles ewig war.



Abgesehen von den Ruderern war Sees-Baas der einzige Matrose, der in dieser Nacht aufblieb. Er sollte Wache halten. Die Stunden vergingen, und der Schiffsbug durchschnitt lautlos die ruhige See vor Mallorca. Sees-Baas achtete nicht auf den Gesang der Ruderer, sondern träumte nur von der fantastischen Paradies-Insel, wie dieser wunderbare Ort, den sie ansteuerten, wohl sein sollte.



Plötzlich stürzte Sees-Baas in Richtung Galionsfigur und fiel über Bord. Völlig unerklärlich fand er sich auf einem dunklen, harten Felsen wieder. Schnell richtete er sich auf und sah voller Entsetzen, wie das Schiff auf eine winzige Insel aufgelaufen war. Das Paradies, von dem er geträumt hatte, wurde nun zur Höl-le für seine Kameraden und die sechzig Sklaven, die - angekettet an ihre Ruder - schrien, als das Holz barst und sich der Rumpf rasend schnell mit Wasser füllte.



Sees-Baas stand wie betäubt auf dem Felsen des Inselchens, das heute El Sec genannt wird. Er, der für die Havarie verantwortlich war, musste hilflos mitansehen, wie Kameraden und Sklaven ertranken und das größte jemals gesehene Schiff vor seinen Augen versank. Er musste mit anhören, wie das Wasser die Schreie des letzten Sklaven verschluckte. Dabei war die Insel des Paradieses doch nur noch wenige hundert Meter von seinen Träumen entfernt.



Sees-Baas erwachte aus seiner Betäubung und sprang ins Wasser, um nach Überlebenden zu suchen. Während er um sein Leben schwamm, schwor er, das Schiff niemals wieder alleine zu lassen. Er weinte vor Wut wegen seiner Unachtsamkeit und seiner viel zu frühen Träumerei vom Paradies. Er schwamm und schwamm bis zu der Stelle, wo das Schiff in der Schwärze der dunkelsten Nacht verschwunden war. Dort tauchte er unter mit dem Versprechen, das Schiff auf ewig zu bewachen.



Heute – viele Jahrhunderte später – lebt ein sehr großer Conger  (ein Meeraal) in den Überresten des Wracks. Es heißt, es sei der älteste Fisch, der jemals auf Mallorca gesehen wurde. Er haust im Bug des Schiffes und beobachtet aus einem Loch alles Fremde, was sich ihm nähert.



Niemand fischt in den Gewässern rund um El Sec, denn die mallorquinischen Fischer respektiren und fürchten den großen Conger, den sie auf den Namen „Sebastian“ getauft haben.



Das Wrack



Seit über 60 Jahren ist dieses Wrack bekannt. Es wurde „Almagro“ getauft nach einem berühmten Historiker dieser Zeit, wobei niemand weiß, wie das Schiff in Wirklichkeit hieß. Datiert wird es auf das 4. Jh. v. Chr.  Mit phönizischen Ursprung stammt es vermutlich aus dem heutigen Libanon. Das Schiff transportierte Hunderte von Wein-Amphoren, Messingmühlen, Keramiken, Bronzekessel, Edelsteine, Bernsteinketten, u.a., sowie Sklaven. Das Wichtigste aus archäologischer Sicht ist, dass es 16 Arten von Amphoren mit sich führte, wobei die riesigen Amphoren hervorzuheben sind, die zum Gären des Weins, nicht aber zum Transport verwendet wurden. Das Vorhandensein dieser riesigen Amphoren lässt Historiker vermuten, dass diese nach Mallorca gebracht wurden, um als eine Art „Bodega“ zu nutzen. Das lässt vermuten, dass auf der Insel seit mindestens 2.400 Jahren Wein produziert wird.



Im 4. Jh. v. Chr. lag der Wasserstand des Mittelmeers etwa einen Meter höher, was nahe legt, dass El Sec über Jahrhunderte eher unter als über der Wasseroberfläche lag.



Der griechische Weise Xenophon beschreibt seinen Besuch auf einem phönizischen Schiffes im Jahr 369 v. Chr. folgendermaßen: „Ich habe einmal, mein werter Socrates, eine schöne und unvergleichliche Ordnung von allerlei Geräten gesehen, als ich auf ein großes phönizisches Schiff gestiegen war, um dasselbe in Augenschein zu nehmen. Denn ich wurde daselbst gewahr, wie so vielerlei Geräte, jedwelches besonders geleget, in einem kleinen Raum behalten wurde. Das Schiff wird durch Hilfe vieler hölzerner Werkzeuge und Teile in den Hafen hinein und wieder herausgebracht: Es sind darauf viele andere Dinge, als Segel und Ruder, mit welchen man schiffet. Hernach sind sie bewehret mit grossen Maschinen wider feindliche Schiffe. Nicht weniger sind Waffen und Gewehre derer Schiffsleute darauf, wie auch allerlei Hausgeräte, dessen sich alle, die auf dem Schiff sind, zu ihrer Mahlzeit gesellschaftlich bedienen.“