UMWELTSCHUTZ

Regatta mit Umweltauftrag

Mit an Bord: Die deutsche Wissenschaftsjournalistin Inka Reichert, die auf internationaler Ebene auf das Problem der Meeresverschmutzung aufmerksam macht
BETTINA NEUMANN

Die Regatta Rei en Jaume will an die Seeroute erinnern, die König Jaume I. 1229 zurücklegte, um Mallorca von den Mauren zurückzuerobern. Dafür legen jedes Jahr ORC- und R1-Segelboote in Salou bei Tarragona ab und segeln rund 110 Seemeilen bis nach Santa Ponça im Südwesten Mallorcas. Seit 1986 wird diese Regatta vom Nautikclub von Santa Ponça organisiert, doch bei der diesjährigen 32. Ausgabe war etwas anders: An Bord der „Majoqui“ sammelte die gemeinnützige spanische Organisation „Good Karma Projects“ Proben zur Ver-schmutzung des Meeres durch Mikroplastik. Mit dabei war auch eine Deutsche: Die Wissenschaftsjournalistin Inka Reichert (33) ist für das Wissenschaftsmagazin Quarks (WDR) tätig und Regisseurin des international prämierten Dokumentarfilms „White Waves“. Im Interview berichtet sie über ihren Kampf gegen die zunehmende Meeresverschmutzung – als Journalistin und als Surferin.   



Frau Reichert, wie kam es, dass Sie an der Regatta teilgenommen haben?



Meine Surferkollegen Jordi Oliva und Josep Lopez von der Umweltorganisation Good Karma Projects hatten mich eingeladen, mitzukommen. Wir haben auf hoher See alle halbe Stunde bis Stunde Wasserproben entnommen und zwar in sehr engmaschigen Netzen wie sie auch die NGO 5 Gyres Institute verwendet, die sich wie das Good Karma Project den Kampf gegen den Plastikmüll auf die Fahnen geschrieben hat. Die Proben werden derzeit ausgewertet und der Filmemacher Joe Delahunty hat darüber eine kleine Dokumentation gedreht.



Ihr eigener Dokumentarfilm White Waves, der 2016 seine Premiere in San Sebastian hatte, tourt derzeit durch die Welt und wird vor allem auf Umwelt- und Surffilmfestivals gezeigt. Er ist in verschiedene Sprachen übersetzt und wurde mehrfach prämiert. Wieso haben Sie ihn aus Sicht der Surfer gedreht?



Surfer, und damit sind auch Kitesurfer und Stand-Up-Paddler gemeint, bekommen das ganze Ausmaß der Katastrophe mit. Sie erleben das Meer im Sommer wie Winter und erfahren besonders die Verschmutzung an den Stränden im Winter, wenn keine Touristen da sind. Viele von ihnen sind sogar von dem verschmutzen Wasser krank geworden. Ich bin selbst leidenschaftliche Surferin und habe mir mein erstes Surfbrett nach dem Abitur gekauft. Deshalb wollte ich immer am Meer leben und pendele heute zwischen Köln und Valencia.



Wie ist Ihre Einschätzung zur Situation der Meere?



Alle reden von den Müllinseln im Meer. Was jedoch an der Oberfläche der Meere schwimmt, ist wahrscheinlich nur 1 Prozent der Verschmutzung. Wissenschaftler sprechen von 99 Prozent „missing plastic“. Niemand weiß so richtig, wo der Kunststoff hin ist. Klar ist, er sinkt in tiefere Meeresschichten und ein Teil hat schon den Meeresboden erreicht. Ein anderer Teil wird von den Meeresorganismen aufgenommen. Denn auch großteiliges Plastik zersetzt sich irgendwann und wird so klein, dass selbst Plankton es fressen kann. Mikroplastik gelangt aber auch über Kleiderfasern aus den Waschmaschinen und, was viele nicht wissen, durch den Reifenabrieb ins Meer. Neben der Plastikproblematik haben wir noch eine andere schwerwiegende unsichtbare Verschmutzung: Bakterien und Chemikalien aus unseren Abwässern, die weltweit und auch auf Mallorca teils ungeklärt ins Meer geleitet werden.



Haben Sie eine Lösung?



Abfischen von der Oberfläche bringt wenig. Wir müssen verhindern, dass das Plastik überhaupt ins Meer gelangt und auch die Industrie zur Verantwortung ziehen. Und weiterhin aufklären. Es tut sich aber etwas: In den Köpfen von immer mehr Menschen hat sich was verändert. Das stimmt mich optimistisch.



Wie empfanden Sie die Überfahrt und die Ankunft auf Mallorca?



Wir sind um 10 Uhr morgens mit einem südöstlichen Wind von etwa fünf Knoten gestartet. Insgesamt haben wir 30 Stunden gebraucht, weil wir nachts in ein Windloch geraten sind und den Motor anwerfen mussten. Auf Mallorca haben wir zwei Tage verbracht und verschiedene Projekte besucht, zum Beispiel das „Sea Bin Project“ im Hafen von Portixol, bei dem eine Art schwimmender Mülleimer zur Reinigung der Hafengewässer eingesetzt wird. Auch haben wir Abwasserkanäle besichtigt, die direkt ins Meer führen. Wir hoffen sehr, dass unsere Initiative Schule macht und bei kommenden Regatten fortgesetzt werden wird.



Weitere Infos unter www.whitewaves.eu, der ganze Film kann auf Vimeo angeschaut werden. Und hier geht’s zum Good Karma Project: http://gkprojects.org