REPORTAGE

Sonnenuntergang an Bord der Rafael Verdera

Bei gutem Wein und hausgemachten Tapas vor der Kathedrale ankern
Bettina Neumann

Das ist definitiv der stilvollste Bootsausflug in Mallorca Gewässern, den man sich unbedingt einmal gönnen sollte: Vor Palmas Auditorium, an der Muelle de Golondrinas, ist der Liegeplatz der Rafael Verdera. Der stolze Zweimaster ist nicht nur in Spanien, sondern wahrscheinlich europaweit das dienstälteste Schiff. 1841 aus Pinienholz auf Ibiza gebaut, transportierte das 30 Meter lange und fast sechs Meter breite Schiff unter spanischer Flagge Jahrhunderte lang Waren zwischen den Inseln hin und her oder zu und von verschiedenen Städten am westlichen Mittelmeer, ab und an auch den einen oder anderen Passagier, darunter Auswanderer oder Heimkehrer.



Heute werden nur noch Gäste transportiert: Seit 36 Jahren steht Kapitän Mikel Arizmendi am Steuer und segelt mit Chartergästen aufs Mittelmeer hinaus, während seine Frau Nuria in der Schiffsküche kulinarische Köstlichkeiten zaubert. Zur Crew gehören noch die beiden Kinder Iñaki (21) und Sara (19), der senegalesische Matrose Joussouph und der kleine Schiffshund. Sara möchte bald mit ihrer Seiltanzausbildung beginnen, das Zeug dazu bringt sie mit, schließlich wurde sie, genau wie ihr Bruder, an Bord geboren.



Stand dieses Prachtexemplar eines Schiffes zuvor nur für geschlossene Gruppen zur Verfügung, gibt es jetzt auch für Einzelpersonen buchbare Tagestörns: Nach wie vor sind längere Touren wie zum Beispiel der einwöchige Trip mit Insel-Hopping oder zehn Tagen zu ganz anderen Mittelmehrhäfen möglich. Im Programm sind jetzt aber auch fünf Stunden tagsüber oder in den Abendstunden, für jedermann buchbar. Und dann wäre da noch die genial schöne Sunset-Tour vor den Toren Palmas.



Das Ambiente an Bord ist ein bisschen so, als würde gleich Jack Sparrow über die alten Holzplanken stolzieren. Als sei man eingeladen, so gut wird man bekocht: Joussouph erscheint alle paar Minuten und bringt verschiedene Tapas, die von der begnadeten Köchin Nuria frisch unter Deck zubereitet wurden: kleine Lachs-Häppchen oder Carpaccio, eine fluffige warme Tortilla, perfekt zubereitete Guacamole, mit Fleisch und Gemüse mundgerecht Empanadas, Oliven mit Meerfenchel und vieles mehr.



Zuvor hat der Gast schon so allerhand erlebt. Nuria erzählt die bewegte Geschichte des ehemaligen Schoners (seinen Namen erhielt das Schiff erst 1932 in Erinnerung an den Sohn des Reeders, der bei einem Verkehrsunfall ums Leben kam). Wer möchte, kann der Crew beim Setzen der Lateinersegel helfen oder fragen, ob er – zwecks Foto – einen der zwei gewaltigen Masten hochklettern darf. Oder eine kleine Mutprobe bestehen, die sogar bei voller Fahrt erlaubt ist: Über den Bug auf den Bugspriet klettern und für das ultimative Foto vor dem riesigen Vorsegel posieren (dicke Schiffnetze sichern vor einem eventuellen Sturz ins Wasser). Wer möchte, kann sich auch einfach nur an der Getränketruhe bedienen und eiskalten Bioweißwein oder feinsten Rotwein schlürfen, das märchenhafte Ambiente genießen und vor allem die Umgebung: das blaue Meer, den glutroten Himmel, die Sonne, die hinter der Tramuntana verschwindet, davor die Kathedrale und Skyline von Palma, beleuchtet von tausend kleinen glitzernden Lichtern.