REPORTAGE

Frauenpower beim Boote putzen

Christine Brinkmann hat mit „Yachtwerk“ eine Art Kooperative gegründet: Frauen, die Hand an Booten anlegen und Schiffe wieder glänzen lassen
BETTINA NEUMANN

Eigentlich ist Christine Brinkmann gelernte Krankenschwester – doch statt Kranke pflegt sie Boote: „Ich komme aus der Pflege einfach nicht heraus“, erzählt die Hessin lachend. Ihre Basis ist der Real Club Náutico de Palma (RCNP), doch auch im Hafen von Arenal ist sie mit Poliermaschine und Putzeimer im Fahrradanhänger unterwegs, ebenso in anderen Häfen von Palma. Seit 15 Jahren betreut sie Schiffe, reinigt und wartet diese, kümmert sie sich um Technik und Organisation. Ihr besonderes Steckenpferd: Die Politur von Rumpf und Heck. Für diese körperlich sehr anstrengende Arbeit, die ihr, wie sie erzählt, das Fitnesszentrum erspart, sucht sie sich stets eine Helferin. Doch ist das nicht eigentlich eine Männer-arbeit?



Frauen sind zu Schiffen einfach lieber. „Nein, im Gegenteil, ich poliere immer mit Frauen: Sie arbeiten wesentlich sorgfältiger als Männer, gehen vorsichtiger mit dem Schiff um und lassen sich einfacher sagen, wie was zu tun ist“, berichtet die gut gelaunte 45-Jährige. Sie ist die Jüngste in einem munteren Frauen-Trupp aus derzeit fünf Frauen. Jeweils zu zweit legen sie – gründlich –  Hand am Schiff an, die ältesten unter ihnen sind bereits über 60 Jahre alt. Eigentlich sind alle Frauen selbst-ständig, doch haben sich alle locker unter ihrem Netzwerk „Yachtwerk“ versammelt. Wie erfolg-reich die Damen in der Schiffs-pflege sind, zeigt sich an der florierenden Auftragslage:  Rund 40 Schiffe hat das Team im letzten Jahr poliert. Das Wichtigste dabei ist nach Abtragung der obersten Schicht und gründlicher Politur der Sonnenschutz in Form einer Wachsschicht, wie die Fachfrau erzählt. Alle ein bis zwei Jahre sollte die wenige mikromillimeterdicke (Schmutz-)Schicht abgetragen werden, sonst verwittert das Schiff. Hauptursache von Verwitterung sind das Salzwasser und ganz besonders die Sonne, umso wichtiger ist daher das regelmäßige Wachsen. Die Eigner wissen das: „Es gibt so viel Arbeit, dass wir uns untereinander keine Konkurrenz machen“, so Christine, die derzeit sogar eine neue Kollegin einarbeitet (und weitere willkommen heißt!): Und das, obwohl dieses Terrain nach wie vor eine Männerdomäne ist: Für viele, speziell spanische Bootsbesitzer, sei es nach wie vor gewöhnungsbedürftig, wenn man als Frau poliert.



Learning by doing. Wie kam es zu ihrem doch eher ungewöhnlichem Berufswechsel? Auf dem Flug zu einer Fortbildung lernte die Kasslerin einen Deutschen kennen, der die begeisterte Seglerin in die Türkei lockte, wo sie das Chartergeschäft für sich entdeckte. Dreh-und Angelpunkt sind nun aber mal die Balearen, also zog Christine vor 18 Jahren nach Mal-lorca und arbeitete zunächst als Angestellte bei Charterfirmen.



Learning by doing war angesagt, bevor sie sich als Polierprofi und Schiffspflegerin selbstständig machte. Mittlerweile betreut sie acht Schiffe in verschiedenen Häfen, die meisten davon liegen im RCNP.



Viele deutsche Kunden an Steg 13. Hier, in ihrer „Lindenstraße“, wie sie den Segelclub liebevoll nennt, ist sie „Zuhause“, hier funktioniert das am besten: „Jeder kennt hier jeden, und der Club pflegt ein sehr reges Sozialleben“. Zu tun hat sie eigentlich immer, die Yachtszene boomt, speziell die Megayacht-Szene. Das Problem: „Diese Art der Kundschaft lässt alles immer teurer werden, und es wird immer schwerer, Handwerker zu finden, die noch für normale Preise arbeiten“. Und was macht sie, wenn sie keine Boote pflegt? Neuerdings hat sie das Regattasegeln für sich entdeckt und zum Ausgleich für ihren anstrengenden Job macht sie viel Yoga. Im einzig arbeitsschwachen Monat, dem August, ist sie dann als Wanderführerin in den Pyrenäen unterwegs. Und sie pflegt tatsächlich auch noch den einen oder anderen Menschen – als ehrenamtliche Sterbebegleiterin auf Mallorca. Eine Frau also, die nicht nur liebt, was sie tut, sondern offensichtlich vom Leben an sich begeistert ist.