Kritik am Posidonia-Schutzdekret

Die geplante Reglung sieht Ankerverbote vor, ignoriert aber andere Gefahren wie Abwassereinleitungen und invasive Arten
J.L MIRÓ

Die Wellen schlugen hoch im November, als im Ministerium für Umweltschutz, Landwirtschaft und Fischerei 30 Kalendertage lang der Öffentlichkeit der Entwurf der neuen Schutzverordnung für die Seegraswiesen präsentiert wurde.



Mit dieser Verordnung wollen die Balearen als die Region mit den ausgedehntesten Flächen an Seegraswiesen den Schutz dieser Pflanzenart gewährleisten. Die Posidonia stellt eine der wichtigsten Lebensräume am Meeresboden dar, sie reduziert die Erosion an den Stränden und ist wichtig im Kampf gegen den Klimawandel, weil sie CO2 abbaut.



Die neue Verordnung sieht sich als Regelwerk, das die menschlichen Aktivitäten auf dem Wasser mit dem Schutz der Arten und maritimen Lebensräume durch die Einrichtung eines homogenen Rechtsrahmens und einer Regelung der Faktoren, die die Posidonia negativ beeinflussen könnten, in Einklang bringen möchte.



Im Vorfeld der Ausarbeitung des neuen Regelwerkes sind rund 753 Vorschläge aus der Öffentlichkeit eingegangen. Auf den offiziellen Entwurf des Umweltministeriums kommen noch einmal weitere 23 Beiträge hinzu, von denen ein Großteil in den endgültigen Text eingeflossen ist, der anschließend öffentlich ausgestellt wurde.



Derzeit treibt Bootsfahrer, Segler und Yachtclubs allerdings eine Frage um: Warum wird diese Ver-ordnung als Posidonia-Schutzdekret bezeichnet, wenn es sich eigentlich um eine Regelung gegen das Ankern handelt? Der Hauptkritikpunkt ist dabei, dass der Gesetzesentwurf des Balearischen Umweltministeriums hauptsächlich die Schiffs- und Bootsanker für die Auswirkungen auf den Grund des Meeres verantwortlich macht und andere Bedrohungen für die Posidonia ignoriert, wie zum Beispiel das Eindringen invasiver Arten und den Anstieg der Wassertemperatur als Folge des Klimawandels.



„Das einzige, was die Regierung hier verbietet, ist das Ankern, obwohl über die Auswirkungen durch Ankerschäden auf die Posidonia zu gut wie nichts bekannt ist, was in dem Textentwurf sogar zugegeben wird", bestätigt auch Rafa Palmer, Vorsitzender des Verbands der Nautikclubs der Balearen (ACNB), welcher zwölf Argumente gegenüber dem Dekret geltend gemacht hat.



„Die wichtigste Schutzmaßnahme ist das ausnahmslose Verbot des Ankers auf der Posidonia und in unmittelbarer Umgebung. Das Dekret verbietet die Einrichtung von Aquakulturanlagen und die Einleitung von Sole-Abwässern neuer Entsalzungsanlagen, sagt aber nichts über die Verschmutzung aus, die durch die bereits vorhandenen Anlagen verursacht wird. Die Auswirkungen der bestehenden Abwasseranlagen werden dabei weder in Erwägung gezogen, noch geregelt, eingeschränkt oder verboten, obwohl sie das Hauptumweltproblem darstellen, das die Gewässer der Inseln plagt“, beschwert sich Palmer, für den „es nicht akzeptabel ist, ausschließlich die ankernden Schiffe zu verteufeln, ohne deren Auswirkungen genau zu kennen, noch andere Ursachen analysiert zu haben“.



Ähnliche Worte findet auch Biel Dols, der Präsident des Verbandes der Mittelmeersegler, einer Vereinigung, die auf den Balearen die meisten Mitglieder hat. „Wir haben unsere Meinung in drei Punkten zusammengefasst“, führt er aus: „Wir bitten darum, dass ernsthafte Studien über die Auswirkungen durch Schiffsanker durchgeführt werden. Auch fordern wir, dass Bootsfahrer nach wie vor auf Sand verankern können, wo kein Zweifel besteht, dass der Anker hier keinerlei Schaden verursacht. Schließlich fordern wir die Regierung auf, dass, wenn es denn notwendig ist, Bojen zum Umweltschutz einzurichten, deren Verwaltung nicht profitbringend sein darf.



Ein weiterer Aspekt der Verordnung, der dem Verband der Balearischen Nautikclubs Sorgen bereitet, ist, dass im Text mit keinem Wort erwähnt wird, ob „Bojen zur Absteckung von Regattafeldern, für die Start- und Ziellinie, aber auch für Boote der Regattakomitees noch der Schiedsrichter eingerichtet werden dürfen“. Wenn dieser Punkt nicht berücksichtigt wird, wäre es nicht mehr möglich, die Wettkampfgebiete für die meisten Regatten auf den Balearen, in denen Seegraswiesen vorhanden sind, abzugrenzen.



Angst vor «freiwilligen Informanten»



Der Text des Posidonia-Schutzdekretes schafft in seinem Artikel 11.2 die Figur des «freiwilligen Informanten», der sich beim Umweltministerium akkreditieren kann und dessen Funktion «die Überwachung der Seegraswiesen» sein soll. Unter den Hunderten von öffentlichen Vorschlägen und Meinungen, die von Vertretern der Branche und Wassersportlern eingereicht wurden, ist in diesem Zusammenhang die Forderung, dass solche Informanten «zumindest unparteiisch und ansatzweise ausgebildet und keine interessenspolitischen Aktivisten sein sollten», was jedoch befürchtet wird.



Segler und Wassersporteinrichtungen weisen seit Monaten auf die Unverhältnismäßigkeit hin, dass sich Medien und das Umweltministerium sehr einseitig von ökologischen Splittergruppen leiten lassen, wie z.B. von der Organisation Terra Ferida, die gerade mal aus 25 Personen besteht. «Niemals hatten so wenige einen derart weitreichenden Einfluss auf Umweltschutz und Politik wie im Moment», wird in der Branche kritisiert.