Ein Meer für alle

Die Ausflugsboote von Marcabrera und das Rote Kreuz sorgen dafür, dass Menschen mit Handicap Cabrera erkunden können.
BETTINA NEUMANN

Die Ausflugsboote von Marcabrera sind nicht nur Vorreiter in Dingen Umweltschutz, wofür sie mit der Blauen Flagge ausgezeichnet wurden, sondern auch darin, das Meer barrierefreier zu gestalten. Schon vor einiger Zeit hat Marcabrera seine Boote so umgebaut, dass Rollstuhlfahrer über entsprechend breite Rampen am Heck in ihren eigenen Rollstühlen bequem an Bord gelangen. Es wird Platz für sie geschaffen, indem mit ein paar Handgriffen Sitzreihen an Bord herausgenommen werden und so die Rollstuhlfahrer ihre eigenen Stühle nicht verlassen müssen. Die Überfahrt von Colònia de Sant Jordi nach Cabrera ist für sie zudem kostenlos.



Doch dieser Service ist noch lange nicht alles. Konnte sich der gehbehinderte Inselbesucher bis jetzt nur sehr begrenzt im Hafen von Cabrera aufhalten oder mit Ach und Krach an den kleinen Strand Sa Platjeta gelangen, steht ihm jetzt die gesamte Insel offen. Der lokalen Presse und Öffentlichkeit wurde nun auf Initiative von Marcabrera gemeinsam mit dem Roten Kreuz und der Parkverwaltung eine Neuheit präsentiert und dazu ein Kooperartionsvertrag unterzeichnet. 



An einen sonnigen und milden Samstagmorgen Ende Oktober legte also eine gut gelaunte Truppe von ca. 40 Personen in Colònia de Sant Jordi mit einem Ausflugsboot in Richtung Cabrera ab. Mit an Bord waren der zehnjährige Abraham, die elfjährige Cristina und die 32-jährige Isabel als die Protagonisten, die als erste Besucher mit Gehbehinderung die Insel auf noch nie dagewesene Weise erleben konnten. Und zwar in sogenannten „Joëlette-Stühlen“: Die Joëlette ist ein geländegängiger, einrädiger Roll-stuhl mit einem besonderen Stoßdämpfersystem. Dieser Wander-rollstuhl kommt auf schwierigen Wegen zum Einsatz. Es bedarf lediglich mindestens zweier Begleiter, bzw. abhängig von dem Gewicht des Passagiers bis zu vier Helfern, die den Stuhl durch vordere und hintere Zugarme händeln.



Mit von der Partie waren über ein Dutzend Freiwillige des Roten Kreuzes, die Familien von Abraham und Cristina, Presse- und TV-Journalisten und diverse Autoritäten. Die Geschäftsführerin von Marcabrera Núria Pipó, der Präsident des Balerischen Roten Kreuzes Toni Barceló, die Leiterin des Nationalparks von Cabrera M. Francesca López und der Zuständige für Naturräume und Biodiversität der Balearenregierung Miquel Mir unterzeichneten auf dem Rastplatz der Insel einen Kooperationsvertrag, um allen Besuchern, die nicht so mobil wie andere sind, diesen Service auf der Insel bieten zu können. Dabei stehen die Joëlette-Stühle nicht nur in dem geschützten Archipel bereit, sondern können für verschiedene Ausflüge speziell in Natur-schutzgebiete wie zum Beispiel nach Lluc oder S’Albufera reserviert werden. Dieser Service ist kostenlos, allerdings sollte 15 Tage im Voraus gebucht werden, damit sich die über 40 freiwilligen „Träger“ des Roten Kreuzes organisieren können. Die Initiative kommt besonders gut bei Schulen an, weil so auch wirklich alle Kinder am Klassenausflug teilnehmen können, doch sie steht allen Inselbewohnern und im Prinzip auch Touristen zur Verfügung. Ein weiterer Schritt für ein barrierefreies Mallorca also.



Die Ausflügler, speziell die Protagonisten, hatten jedenfalls ihren Spaß: Alle drei waren zum ersten Mal auf Cabrera und genossen den Ausflug sehr. Nach einer fröhlichen Bootstour, einem opulenten Picknick und dem feierlichen Akt der Vertragsunterzeichnung ging es mit den Joëlette-Stühlen sogar bis hinauf auf die Burg. Etwas, das aufgrund der holprigen Wege auf der naturge-schützten Insel für Menschen mit einer Gehbehinderung bis jetzt unmöglich war.



Abraham traute sich sogar ins Meer, obwohl das um diese Jahreszeit doch schon ganz schön kühl war. Dafür steht auf Cabrera ein sogenannter Amphibienroll-stuhl bereit: ein Strand-gerechter Rollstuhl für Menschen, die nicht alleine ins Wasser kommen. Der muntere Junge aus Nigeria krei-schte vor Vergnügen und stellte mit Erstaunen fest, dass das Wasser salzig ist: War es doch das erste Mal, dass der Elfjährige die Gelegenheit bekam, im Meer zu baden.