REPORTAGE

Viel mehr Aufklärung nötig

Die Posidonia bietet den Gratis-Service eines perfekt funktionierenden Ökosystems
Bettina Neumann

Die „Balear“ ist eines der ältesten traditionellen Segelschiffe der Insel, die noch im Einsatz ist: eine „barca de bou“ und ehemaliger Schleppnetzfischer aus dem Jahre 1924. Normalerweise fahren seit 2004 fast täglich Grundschulklassen auf das Meer hinaus, um über das Meer und sein Öko-system aufgeklärt zu werden und einen Eindruck von Palmas Hafen zu bekommen. Im Rahmen des Posidonia Festivals Mallorcas im Mai 2017 war die lokale Presse eingeladen, darunter Journalisten der mallorquinischen Tageszeitungen, des Lokalsenders IB3 sowie junge Blogger, die Skipper Jordi Nadal auf dem wunderbaren alten Kahn eine Runde übers Meer schipperte. Mit an Bord waren zwei Meeresbiologinnen und eine Umwelterzieherin, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, über die Bedeutung der ozeanischen Posidonia aufzuklären. Das Posidonia Festival Mal-lorca hat mit einem bunten Programm für Kinder und Erwachsene, Ausstellungen, Vorträgen, etc. die Umwelterziehung zum Ziel und fand zum zweiten Mal in Palma sowie in Deià statt. Die drei Frauen sind noch jung: Francesca Iuculano hat bereits ihren Doktortitel zum Thema Meeresökologie und Klimawandel, Lara García ist Doktorandin am IMEDEA-Institut (das „Instituto Mediterráneo de Estudios Avanzado“ ist eine Einrichtung der Balearenuniversität UIB und des staatlichen Forschungsinstituts CSIC). Mit an Bord war auch die Umwelterzieherin Marta Fernández, die auf Formentera Schulkindern die Meeresflora und -fauna erklärt und bei diesen als „die Piratin“ bekannt ist.



BEI Touristen UNBEKANNT. Einig sind sich alle drei über die Tatsache, dass die Wichtigkeit der Posidonia noch viel zu wenig bekannt ist. „Bei den Mallorquinern ist das Bewusstsein in den letzten Jahren ein bisschen gestiegen, doch bei den Touristen ist die Posidonia fast unbekannt“, so Lara García. Ähnlich wie die Mangroven bieten Seegraswiesen der Menschheit den kompletten Gratis-Service eines perfekt funktionierenden Ökosystems: Die Posidonia reinigt das Wasser, filtert CO2 und sorgt für Sauerstoff und ist die Kinderstube für Fische und Meeresgetier aller Arten. „Wenn wir das nicht hätten, bzw. die Seegraswiesen zerstören, könnte das sehr, sehr teuer für uns und künftige Generationen werden“, erklärt Francesca Iuculano: „Die Natur bietet einen Gratis-Service und um den zu erhalten, sollte eigentlich jeder seinen Beitrag liefern.“



Abnehmender Bestand. Die Meeresspezialistinnen fordern viel mehr Aufklärung, wie wichtig die Posidonia für die Qualität des Mittelmeeres ist und Kampagnen speziell für Bootsfahrer: „Viele Bootsfahrer ankern immer noch völlig ahnungslos auf Seegraswiesen. In Sekunden ist dann zerstört, was nur langsam wieder nachwächst. Denn die Posidonia braucht sehr viel Zeit, um zu wachsen. Und dort, wo die Wiesen beschädigt oder zerstört werden, breiten sich oft andere invasive Algen aus, die schneller wachsen“. Wie ist der Zustand der Posidonia in den Gewässern der Inseln? „Auf Mallorca nicht so schlecht, könnte aber besser sein und hat sich auch verschlechtert. Weitaus schlimmer ist die Lage auf Ibiza, wo beispielsweise in Ses Salines trotz eines speziellen Schutzstatus viel zu viele Boote ankern“, beklagt Marta Fernandéz. Fest steht: Im Laufe der Jahre sind die Wiesen in den Balearengewässern kleiner und weniger geworden. Das belegen ver-schiedene wissenschaftliche Studien anhand von Luftaufnahmen an den Küsten und anderen Punkten.



 



Wundermittel Posidonia. Auch die Nützlichkeit der Posidonia an Land ist nicht wirklich bekannt. Wer weiß schon, wofür sie alles verwendet wird? Zunächst einmal ist das ab Anfang Herbst angeschwemmte Seegras für die Strände ein unverzichtbarer Schutz vor Erosion. Ohne diese „Seegrasbänke“ müsste der Sand künstlich aufgeschüttet werden. Auch findet getrocknetes Seegras als natürlicher Dünger in mallorquinischen Gärten und Beete Verwendung oder dient als Lager für die Haustiere. Und es wird mit destilliertem Alkohol sogar ein altes Heilmittel daraus gewonnen, das dafür genutzt wird, um Wunden zu heilen. Mehr Aufklärung ist also dringend nötig: Wie wäre es zum Beispiel mit der Idee, ent-sprechende Aufklärungsschilder in Badebuchten und Häfen aufzustellen? Doch während Lara noch an ihrer Doktorarbeit schreibt, ist die diplomierte Francesca trotz aller Bemühungen und der Dringlichkeit ihres Wissensgebietes arbeitslos. Da kann man sich nur wundern, denn das sollte eigentlich nicht sein.