REPORTAGE

Vor 74 Jahren sank westlich von Andratx das deutsche U-Boot U-755

Bei der ‚Schlacht um Gibraltar‘ diente Mallorca als Zufluchtsort für deutsche U-Boote, die hier betankt wurden und Station machten.
Juan Poyatos

Ein paar mallorquinische Fischer haben alles live erlebt: Ein kleines und lautes Flugzeug, so wie es charakteristisch für die Lockheed A-28 Hudson Flugzeuge der Royal Air Force war, feuerte unermüdlich Raketen über einem U-Boot nah an der mallorquinischen Küste ab. Danach berichteten die Fischer ihren Nachbarn im Hafen von Andratx, dass der Angriff des kleinen Flugzeugs sehr lange gedauert habe. Erstaunlicherweise ist das U-Boot aus damals noch unbekannten Gründen während des Angriffs nicht einmal abgetaucht. Alles, was es tat, war an Oberfläche mit maximaler Geschwindigkeit zu fahren und schnelle, scharfe Kurven zu nehmen. Doch es hat nichts genützt. Als das Flugzeug wahrscheinlich aus Mangel an Munition oder Treibstoff gezwungen war, kehrt zu machen, nahm das deutsche U-Boot Kurs Richtung Westen. Das war das letzte, was die mallorquinischen Fischer sahen. Seltsamerweise beobachteten sie aber nicht, wie das deut-sche U-Boot unterging. Es fuhr noch einige Stunden aufs offene Meer hinaus, bevor es endgültig sank, weit entfernt auf halber Strecke zwischen der Insel und dem Festland. Am nächsten Tag suchten die mallorquinischen Fischer in dieser Gegend nach Spuren des Angriffs. In der Nähe von Dragonera entdeckten sie mehrere Rettungsinseln, von denen sie neun Menschen retten konnten. Die Fischer brachten die deut-schen Schiffbrüchigen so schnell es ging in den Hafen von Andratx und übergaben sie der Guardia Civil, die sie noch am selben Tag ins deutsche Konsulat überführte.



Versteckt nahe Mallorca. Die deutschen Marinesoldaten erklärten, dass sie zur Crew des U-755  gehörten und dass sie durch einen Angriff an der Küste von Valencia von eben demselben Flugzeug einige Tage zuvor nicht mehr abtauchen konnten. Doch das U-Boot wurde erneut von dem Flugzeug der Royal Air Force (das seine Basis in Gibraltar hatte) in der Nähe von Mallorca aufgespürt, als es versuchte, so schnell wie möglich und an der Oberfläche fahrend zu seiner Basis in Südfrankreich, nach Toulon,  zurückzukehren, um den Schaden reparieren zu lassen. Doch dort kam es nie an. Der Plan, sich entlang der mallorquinischen Küste zu verstecken, damit die Alliierten es nicht wagten, das U-Boot in neutralen Gewässern anzugreifen, ging nicht auf. Das U-755 sank 99 Seemeilen vor Valencia, etwa 50 Seemeilen von den Columbretes Inseln und 40 von Mallorca entfernt. So berichtete es der spanischen Presse Dr. Pedro Costa, ein valencianischer Arzt, der zum US Naval Institute gehört, eine nordamerikanische Forschungseinrichtung über die Geschichte der Seekriege. Bei dem Untergang des U-755 am 28. Mai 1943 starben insgesamt 38 Menschen, nur neun überlebten. Seitdem sind über 70 Jahre vergangen, und  das deutsche U-Boot liegt nach wie vor über tausend Meter tief westlich von Andratx.



Was war so besonders an diesem Vorfall? Das U-755 wurde tatsächlich am 28. Mai 1943 nahe an der Küste von Mallorca von demselben Royal Air Force Flugzeug entdeckt, das es ein paar Tage zuvor mit drei Wasserbomben getroffen hatte. Der Pilot der Hudson, der das U-Boot auf seiner Flucht Richtung Südfrankreich  suchte, hatte bei diesem entscheidenden Angriff aber keine Wasserbomben mehr an Bord, sondern moderne Raketen, die speziell für Schiffe (auf der Wasseroberfläche) konzipiert waren. Höchstwahrscheinlich wusste der britische Pilot, dass seine „Beute“ bereits verletzt war und nicht mehr entweichen, sprich untertauchen konnte. Bei diesem letzten Aufeinandertreffen zwischen dem deutschen U-755 und der britischen Hudson wurde das U-Boot also schließlich von den Raketen der Alliierten und nicht von Wasserbomben vernichtet. So wurde es zum ersten U-Boot in der Geschichte, das von Raketen versenkt wurde. Es sollten noch viele weitere U-Boote folgen. Die Raketen waren der Schlüssel für die Überlegenheit aus der Luft und sind es auch heute noch.



Flugzeuge versus U-Boote. Insgesamt wurden 62 deutsche U-Boote im westlichen Mittelmeer versenkt. Die deutschen U-Boote vom Typ VIIC, wie das U-755, wurden von zwei 750 PS-starken Turbodieselmotoren angetrieben. Sie konnten in Tiefen bis zu 230 Meter operieren.



An der Oberfläche konnten sie mit 10 Knoten bis zu 8.500 Seemeilen fahren. Sie waren mit fünf Torpedos mit einem Durchmesser von 53,3 cm ausgestattet (vier vorne und eine hinten), konnten  aber bis zu 14 Torpedos an Bord haben. Auch hatten sie eine SK C/35-Schiffskanone von 8,8 cm Durchmesser und eine Flugabwehr-Maschinenkanone an Bord, die aber nichts gegen die Hudson ausrichten konnte.